Werner Franz Kussi
Stübelallee 7h, JohannstadtHIER WOHNTE
DR. WERNER FRANZ
KUSSI
JG 1910
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
1944 AUSCHWITZ
BEFREIT
Weitere Stolpersteine in Stübelallee 7h:
Kussi, Olga
Kussi, Viktor
Steinberg, Nelly
Steinberg, Stefan Manfred
Steinberg, Franz Egon
Werner Franz Kussi wurde am 13. Oktober 1910 in Dresden geboren. Er war das jüngste Kind von Olga und Edmund Kussi. Seine Eltern zogen von Wien nach Dresden kurz vor seiner Geburt. Er wuchs in der Weimarer Republik in einer jüdisch-böhmischen Familie auf. Sein Vater Edmund gründete Rheostat, ein führendes Unternehmen der deutschen Zulieferindustrie, das seinen Sitz in Dresden hatte. Seine ältere Schwester Nelly wurde 1896 geboren und sein älterer Bruder war Viktor, geboren 1897. Er besuchte die Kreuzschule, machte dort seinen Schulabschluss und studierte danach Elektroingenieurwesen an der Technischen Hochschule in Dresden. Im Anschluss ging er für seine Promotion nach München, musste das Verfahren aber in Folge neuer antisemitischer Gesetze 1935 abbrechen. Die Promotion konnte er schließlich in Wien beenden, wo er 1936 seinen Doktortitel als Elektroingenieur erhielt. Sein Vater Edmund starb 1936. Werner trat ins Familienunternehmen ein und führte es gemeinsam mit seinem Bruder.
Das erste Mal wurde Werner während der Pogromnacht am 9. November 1938 während einer Razzia verhaftet. Wenig später kam er wieder frei, weil er tschechoslowakischer Staatsbürger war. Nach der Pogromnacht war es der Familie verboten, die Fabrikgebäude des eigenen Unternehmens zu betreten. Werners Verhaftung war der letzte Anlass für den Entschluss, Deutschland zu verlassen. Später sah er es als größten Fehler an, den er jemals gemacht hatte, zu lange in Deutschland geblieben zu sein. Einzig die Überzeugung, dass Gerechtigkeit und Recht am Ende siegen würden, hielt die Familie so lange in Deutschland. Werner, seine Mutter und sein Bruder erhielten schließlich im August 1939 die nötigen Visa, um Deutschland zu verlassen. Sie erreichten Amsterdam, nur um festzustellen, dass die Grenzen nach England geschlossen waren, da der Krieg ausgebrochen war.
Werner und seine Familie lebten in Holland bis 1942. Hier traf er seine zukünftige Frau, Ada Aleven – eine holländische Lehrerin. Die Kussis lebten in einer kleinen Küstenstadt mit dem Namen Bussum, wo sie eines Tages entdeckt und im Transitlager Westerbork interniert wurden. Nahezu zwei Jahre verbrachte Werner im Ghetto Theresienstadt. Dort musste er in einem Kraftwerk Zwangsarbeit leisten. Er unterrichtete auch internierte Schülerinnen und Schüler. Im September 1944 wurde er schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er in einem Außenlager Zwangsarbeit leisten musste. Er sowie weitere Freunde und Bekannte weigerten sich, auf den Todesmarsch zu gehen als die sowjetische Armee 1945 näher rückte. Sie versteckten sich im Lager und wurden schließlich durch russische Soldaten befreit. Nach dem Krieg erreichten ihn mehrere Briefe von Mitgefangenen, die ihm für die Courage dankten, die er in Auschwitz gezeigt hatte und der sie ihr Leben verdankten. Er wartete in den Karpaten auf das Kriegsende. Seine Schwester, sein Bruder und seine Mutter wurden in Auschwitz ermordet.
Nach dem Krieg erreichte Werner zunächst Prag, wo er vom Schicksal seiner Familie erfuhr. Er entschloss sich, nach Dresden zurückzukehren, wo er herausfand, dass die Fabrik des Familienunternehmens unbeschädigt stand. Ein Freund der Familie arbeitete nach dem Krieg in der Stadtverwaltung und half ihm, das Familienunternehmen direkt am Tag nach seiner Ankunft und sechs Monate nach seiner Befreiung zurückzuerhalten. Nur zwei Tage später erreichte sein Neffe Franz Dresden, der auch zu den Überlebenden von Auschwitz gehörte. Werner heiratete in Dresden die holländische Widerstandskämpferin Ada im Dezember 1945. Er schaffte es, das Unternehmen in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR noch bis 1953 zu führen, war aber schlussendlich erneut gezwungen, aus Deutschland zu fliehen. Grund waren Berichte, dass eine neue Verhaftungswelle gegen Juden anstünde. Er sagte immer, man macht keine Fehler zweimal. Er verließ Deutschland mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern.
Werner und Ada emigrierten 1954 in die USA. Hier wurde er ein erfolgreicher Ingenieur, der mehr als 70 Patente anmeldete und drei Fachbücher veröffentlichte. Nach seinem Ruhestand 1985 arbeitete er freiwillig im International Executive Service Corps, einer gemeinnützigen Organisation, mit der er half, elektronische Infrastruktur in Ägypten und Simbabwe zu verbessern. 50 Jahre lang kämpfte er um eine Wiedergutmachung für all das Leiden, dass ihm durch die Nazis, aber auch durch das kommunistische Regime nach 1945 angetan wurde. Er erreichte schließlich in mehreren Vergleichen, dass ihm nach 1990 das Grundstück des alten Wohnorts auf der Haenelstraße und das Fabrikgebäude zurückerstattet wurden. Ein Judaist sagte einmal über ihn:
„Seine Widerstandsfähigkeit war das Beeindruckende an ihm, und, wenn man bedenkt, was ihm widerfuhr, sein Zukunftsoptimismus. Er hatte das Schlechteste im Menschen gesehen und blieb trotzdem fortschrittsüberzeugt und im Glauben an die Menschheit.“
Am Ende seines Lebens begann Werner freier und auch öffentlich über seine Erfahrungen zu sprechen. Sein Lieblingsspruch war „Die richtige Entscheidung ist immer die schwierigste Entscheidung.“ Er starb nur zwei Wochen vor seinem hundertsten Geburtstag und hinterlässt zwei Kinder, zwei Enkel und vier Urenkel.
Steffen Heidrich veranlasste 2020 die Verlegung der Stolpersteine für Familie Kussi. Er stieß im Zuge seiner Doktorarbeit auf Werner Franz Kussi, der nach 1945 ein Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Dresdens war.
Autorschaft:
Familie Warren, Michigan (USA), Nachfahren von Werner Franz Kussi. (Übersetzt aus dem Englischen von Steffen Heidrich.)
Putzpate:
bereits vergeben
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