Anna Zobel
Ulrichstr. 7, LoschwitzHIER WOHNTE
ANNA ZOBEL
GEB. POPPER
JG. 1893
FLUCHT 1939 SCHWEIZ
ENGLAND
INTERNIERT 1940
ISLE OF MAN
ENTLASSEN 1944
Weitere Stolpersteine in Ulrichstr. 7:
Popper, Dr. Felix
Popper, Paula
Anna Popper wurde als erstes Kind des Juristen Dr. Felix Popper (1858-1937) und seiner Ehefrau Paula geb. Weleminsky (1867-1936) am 3. August 1893 in Dresden geboren. Ihr Bruder Fritz kam ein Jahr später zur Welt.
Der Vater kam aus einer Bankiersfamilie und war ein angesehener Rechtsanwalt und Notar, im Justizministerium angestellt (Oberjustizrat) und in vielen Unternehmen Aufsichtsratsvorsitzender oder -mitglied. Er war mit Karl August Lingner befreundet, dem Odol-Fabrikanten und Gründer des Hygienemuseums, wo auch Felix Popper maßgeblich mitwirkte. Die Mutter kam aus einer Ärztefamilie und war vielseitig interessiert. Die Familie wohnte im eigenen Haus auf der Kaitzer Straße 11 und hatte ihren Sommersitz in der Ulrichstraße 7.
Ihr Bruder Fritz studierte Jura, ging 1914 zum Militär und fiel am Ende des 1. Weltkriegs in Serbien mit 24 Jahren.
Anna hatte sich freiwillig an der Westfront als Krankenschwester einsetzen lassen und lernte dort ihren späteren Ehemann kennen, den Arzt Dr. Peter Erdmann Zobel, geboren 1887 in Lodz. Er war evangelisch-lutherischer Konfession, und Annas Eltern hätten es vorgezogen, einen jüdischen Schwiegersohn zu bekommen. Doch Anna setzte sich durch, und so fand die Hochzeit am 8. August 1919 in Dresden statt.
Sie bekamen zwei Söhne: Andreas 1919 und Klaus 1921. Die Ehe war nicht sehr glücklich und wurde 1923 standesamtlich in Lübeck geschieden, wie ein Eintrag auf der Heiratsurkunde vom Amtsgericht Dresden zeigt.
In der Folgezeit reiste Anna häufig mit den Kindern, sie verbrachten aber auch gemeinsame Zeit mit Peter Zobel auf ihrem kleinen Bauernhof in Saupsdorf in der Sächsischen Schweiz. Peter Zobel betrieb seine Praxis als Facharzt für Lungenleiden auf der Emser Allee 15 (heute Goetheallee). Annas Vater hatte ihr um 1929 das Haus geschenkt. Sie kam mit ihrem Ex-Ehemann so gut aus, dass sie sich die Unterkunft teilen konnten, ohne jedoch erneut zu heiraten. Nach 1933 soll sogar ein Wachmann vor ihrem Schlafzimmer aufgestellt worden sein, um jede Intimität zwischen ihnen zu verhindern.
1936 verkaufte Anna das Haus und zog wieder in die Ulrichstraße, um ihre Eltern zu pflegen. Gemeldet war sie vorübergehend auf der Waldparkstraße 2. In der Ulrichstraße war sie nach dem Tod der Eltern noch bis 1940 als Eigentümerin eingetragen, obwohl sie da schon nicht mehr in Deutschland war. Peter zog mit seiner Praxis auf die Schubertstraße 10, musste sie aber 1937 aufgeben, weil er als Oberarzt der Reserve zum Militär eingezogen wurde.
Sohn Andreas ging schon 1935 zum Studium nach Italien und reiste viel durch Europa, möglicherweise um noch etwas vom Familienbesitz außer Landes zu bringen.
Nachdem Anna alle noch möglichen Vorkehrungen getroffen hatte, verließ sie Dresden über Österreich und Italien und segelte mit Andreas auf der Nederland von Genua aus nach Southampton, wo sie am 1. August 1939 das rettende Exil in England erreichten, zusammen mit anderen Flüchtlingen, wie der Liste der ausländischen Passagiere zu entnehmen ist. In den ersten Wochen überlebten sie nur durch den Verkauf von einigen Meissner Porzellanteilen.
Im Mai 1940 wurden sie beide als feindliche Ausländer interniert, Anna auf der Isle of Man in der Frauenabteilung des Rushen Camp und Andreas in Kanada, bevor er in das Pionierkorps aufgenommen wurde. Dieses Pionier- oder auch Ingenieurs-Korps war die einzige britische Militäreinheit, in der sog. Feindliche Ausländer dienen konnten, als Alternative zur Internierung. Tausende deutsche und österreichische Emigranten taten das , um die Alliierten in ihren Kriegsanstrengungen und bei der Befreiung ihrer Heimatländer zu unterstützen. Andreas wurde jedoch aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt und arbeitete als Lehrer. Er heiratete 1942, und 1943 wurde Stefan geboren, der bei Anna im Internierungslager wohnte, da Andreas und seine Frau sich trennten. Aus seiner späteren Ehe mit Mary, die ihre Söhne Daniel und Imogen mitbrachte, ging noch Justin hervor, der erst nach dem frühen Tod des Vaters zur Welt kam. Er lebt in Australien und hat seine älteste Tochter Anna genannt.
Anna Zobel fand nach dem Terror und der Unterdrückung in Dresden im Lager Sicherheit und Kameradschaft und verbrachte vier relativ friedvolle Jahre dort, lernte dabei Gemüse anbauen, kochen und andere Fertigkeiten. Anna Zobel verließ das Lager am 4. Oktober 1944 und wohnte in Leeds, wo sie auch Arbeit fand.
Sie hätte das Lager möglicherweise auch schon früher verlassen können, doch von dort aus konnte sie über das Rote Kreuz mit ihrem Sohn Klaus Kontakt halten. Er war 1939 nach Frankreich geflohen und arbeitete zuerst als Bäcker, kam aber schließlich in ein von Deutschen geführtes Internierungslager, wo er das Kriegsende erlebte. Danach kam er nach England und absolvierte eine Ausbildung zum orthopädischen Chirurgen. Später ging er nach Lindau am Bodensee und starb dort 2005 oder 2006. Seine beiden Söhne Michael und Patrick leben in Zürich.
Andreas (Andrew) konnte mit zehnjähriger Verspätung studieren und 1957 schließlich promovieren. Er starb 1962.
1956 kehrte Anna nach Deutschland zurück, um ihren erkrankten Ex-Ehemann zu pflegen, der ein Krankenhaus in Heiligenhafen leitete. Nach seinem Tod im selben Jahr lebte sie in Lübeck und reiste oft nach Northumberland, um ihren Enkel Stefan und seine Familie zu besuchen. Sie sprach viel mit Stefans Frau Liz über ihr früheres Leben. Dabei war sie nur sichtlich mitgenommen, als sie die Zerstörung Dresdens durch den Feuersturm beschrieb.
1958 stellte sie einen Entschädigungsantrag an die Bundesrepublik Deutschland, da sie …ab 1935 als Jüdin behandelt… worden sei.
Später zog sie nach Lindau zur Familie ihres Sohnes Klaus, wo sie am 12.Dezember 1978 verstorben ist und begraben wurde.
1999 erfolgte die Rückübertragung der Grundstücke auf der Ulrichstraße an die Nachfahren von Anna Zobel in Lindau und in Australien.
Die Verlegung des Stolpersteins 2024 initiierten und spendeten die heutigen Eigner des Hauses Ulrichstraße 7, Prof. Burkhard Jabs und Frau Dr. Katrin Jabs, die auch die Nachkommen von Anna Zobel (geb. Popper) ausfindig gemacht und umfangreich recherchiert haben.
Quellen:
Angaben der Angehörigen (Enkel Stefan Sobell und seine Frau Liz / Großbritannien; Enkel Justin Zobel / Australien, die zahlreiche Dokumente und Fotos überließen)
Historische Adressbücher Dresden 1927-1942
Auskünfte von: HATIKVA e. V. (zu Grabinschriften auf dem Neuen Jüdischen Friedhof), Archiv der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Dresdner Verein für Genealogie e. V., MyHeritage, Wikipedia
Putzpate:
bereits vergeben
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