Ferdinand Loheit
Uhlandstr. 39, SüdvorstadtHIER WOHNTE
FERDINAND
LOHEIT
JG. 1892
´POLENAKTION` 1938
GHETTO KRAKAU
ERMORDET IM
BESETZTEN POLEN
Weitere Stolpersteine in Uhlandstr. 39:
Loheit, Berta
Loheit, Anna
Loheit, Karl Erich
Ferdinand Loheit wurde am 10. Oktober 1892 in Naklo geboren. Er war das sechste von acht Kindern des Kaufmanns Chaim Loheit und seiner Frau Scheindel (Jenny) geb. Koltan, die aus Galizien stammten. Sie hatten in Mlynach, Naklo, Przemysl und Stanislawow gewohnt.
Ab 1901 siedelten nach und nach alle Geschwister nach Dresden über und betrieben Mode- und Bekleidungsgeschäfte. 1915 folgten ihnen die Eltern Chaim und Scheindel und als letzter 1917 auch Ferdinand. Er heiratete Anfang der zwanziger Jahre Berta Hamel in Przemysl, wo ihre Familie ansässig war.
Ferdinand war Bankbeamter, unterhielt aber ab 1924 auch ein Herrenbekleidungsgeschäft in der Viktoriastraße 15 und übernahm wohl den Trödelladen seines Vaters in der Großen Brüdergasse 3, den er 1926 als Modegeschäft neu eröffnete. Es ging ihnen wirtschaftlich gut. Sie wohnten zuerst in der Schnorrstraße 37 und ab 1935 in der Uhlandstraße 37, wo Berta als Hauseignerin eingetragen war. Sie bekamen zwei Kinder: Anna, die wahrscheinlich 1927 geboren wurde, und Karl Erich, geboren am 28. September 1930.
Am 28. Oktober 1938 wurde die Familie wie viele andere auch in der sogenannten Polenaktion aus Deutschland über Beuthen abgeschoben. Sie gelangten zunächst nach Kattowitz und dann nach Krakau, wo bereits mehrere Tausend Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen lebten. Bei der Besetzung Krakaus nach Kriegsbeginn brannte das Magazin am Bahnhof ab, wo das aus Deutschland gerettete Hab und Gut der abgeschobenen Familien lagerte. Sie waren nun völlig mittellos und auf die Jüdische Fürsorge angewiesen.
1940 begannen die Vorbereitungen zur Bildung des Krakauer Ghettos. In der Stadt lebten damals mehr als 63.000 jüdische Menschen, etwa 8.000 von ihnen waren Flüchtlinge. Das Ghetto sollte jedoch nur 10.000 Menschen aufnehmen. Wer freiwillig die Stadt verließ, durfte seine Habe mitnehmen, die anderen liefen Gefahr, ohne ihr Eigentum ausgewiesen zu werden. Auf diese Art wurden in mehreren Wellen Zehntausende vertrieben.
Die Loheits wollten in Krakau bleiben, konnten allerdings nicht mehr zusammen wohnen. Auf einer alten Einwohnerliste aus dem Archiv von Kraków ist Ferdinand als wohnhaft in der Starowislna 40 geführt, Berta mit Anna und Karl in der Rakowicka 6. Auf dieser Liste stehen auch eine Schwester Ferdinands, Blime Krattenstein, mit ihrer Tochter Fanny, und Ferdinands jüngster Bruder, David Loheit, die gemeinsam wohnten. Sie alle flüchteten vermutlich in der zweiten großen Vertreibungswelle Ende 1940 aus Krakau. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. In der Datenbank von Yad Vashem sind sie als ermordet registriert, was mit Sicherheit angenommen werden kann, denn in den Listen der Überlebenden des Holocaust ist keiner ihrer Namen zu finden.
Die Eltern Chaim und Scheindel Loheit starben 1928 und 1923 und wurden auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Dresden beigesetzt.
Rachel Dina, die älteste Schwester von Ferdinand, wurde 1878 in Mlynach geboren. Sie hieß später Regina Spivack und soll nach einer Quelle schon um 1920 nach New York ausgewandert sein (so auf einer maschinengeschriebenen Liste der Geschwister vermerkt, die die Tochter von Rachel Dinas Schwester Anna Gerner erstellt hat).
Sara, geboren 1881, ist mit vier Jahren 1885 in Naklo an Scharlach gestorben. Blime Bertha, eine andere Schwester Ferdinands, geboren 1885, war verheiratet mit Nachmann Krattenstein, der aus Starunia stammte. Sie wohnten seit 1906 in Dresden auf der Webergasse 17, ab 1937 in der Ziegelstraße 41 und hatten drei Kinder: Karl Leo, Klara und Fanny Regine. Karl Leo ging nach Berlin und emigrierte 1938 nach Portugal, 1945 gelangte er über Havanna in die USA. Klara heiratete Leiser Lorenz Grünberg in Leipzig, sie flüchteten kurz nach der Geburt der Tochter Norma 1939 nach Belgien und weiter nach Chicago, wo sie sich Greenberg nannten. Fanny Regine arbeitete in der Jüdischen Gemeinde als Sekretärin. Sie wurde mit ihren Eltern am 28. Oktober 1938 nach Polen deportiert. Der Vater kehrte 1939 nach Dresden zurück, um ein Grundstück zu verkaufen und sich um den hinterlassenen Besitz zu kümmern. Bei Kriegsausbruch wurde er ins KZ Sachsenhausen gebracht und ein Jahr später ins KZ Dachau, wo er am 6. Juni 1941 ermordet wurde. Blime und Fanny flüchteten von Krakau weiter nach Tarnów, dann verliert sich ihre Spur. Von dort wurden aber im Sommer 1942 die meisten Juden in das Vernichtungslager Belzec deportiert.
Helena Henia Koltan, eine weitere Schwester Ferdinands, geboren 1888, hatte Samson Chaim Falik geheiratet, geboren 1883 in Czernelica. Er war Grundstücksbesitzer und Inhaber zweier Herrengarderobengeschäfte, hatte es bereits zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht. Sie wohnten in der Großen Brüdergasse 31, wo sich auch eins der Geschäfte befand. Sie waren aktiv in der Jüdischen Gemeinde, Helena war Mitbegründerin und später Vorsitzende des Frauenvereins Achdut. Sie hatten drei Söhne, Fritz, Adolf und Max. Fritz und Adolf gingen 1936 mit der Jugendaliyah nach Palästina und waren in der HaPalmach aktiv. Fritz lebte dann in Jerusalem. Adolf arbeitete für den Mossad und war bei der Überführung Eichmanns nach Israel beteiligt. Max schickte man 1936 nach Frankreich, wo er in der Résistance tätig war. Auch er hat überlebt. Samson Falik war 1934 gestorben und auf dem Neuen Jüdischen Friedhof bestattet worden. Helena musste 1942 im Judenhaus Sporergasse wohnen und wurde dann im Lager Hellerberg interniert. Von dort ist sie am 2. März 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und noch am selben Tag vergast worden. Ein Sohn von Adolf Falik, Gaby Pelek, lebt in Florida.
Anna, eine weitere Schwester Ferdinands, geboren 1895, heiratete 1921 in Dresden Isidor Isaac (Irving) Gerner, der aus Solotwina stammte. Trauzeugen waren Nachmann Krattenstein und Samson Falik. Sie hatten eine Tochter, Erika, 1926 in Dresden geboren. Sie wohnten zusammen mit ihren Eltern in der Webergasse 28, in Nr. 22 hatten sie ein Herrenbekleidungsgeschäft. 1939 emigrierten sie über Holland in die USA. Erika heiratete 1950 Joseph Greenblum in New York City. Irving Gerner starb 1982 in New York, Anna 1997 in Baltimore im Alter von 102 Jahren. Beide sind in New York begraben. Erika starb 2011 in Baltimore. Ihre Kinder Judy und Eli Greenblum und ihre Enkelin Sharon Greenblum veranlassten die Verlegung der Stolpersteine für Ferdinand Loheit, den Bruder ihrer Großmutter bzw. Urgroßmutter Anna, und seine Familie.
Eizik Loheit recte Koltan wurde 1890 in Naklo geboren. Er soll vor 1938 gestorben sein (nach Anna Gerners Liste über ihre Geschwister).
David Loheit, geboren 1901, war Kaufmann und hatte eine Tabakwarenhandlung in der Marienstraße 13, später ein Herrenbekleidungsgeschäft in der Annenstraße 10. Er wohnte zusammen mit Gerners bis 1932 in der elterlichen Wohnung Webergasse 28, dann in der Ferdinandstraße 12. Auch er wurde 1938 nach Polen ausgewiesen und wohnte mit Blime und Fanny Krattenstein zusammen, bis sie alle vermutlich Ende 1940 aus Krakau vertrieben wurden und annehmbar Opfer einer Ermordungsaktion wurden.
Ein weiterer Verwandter, Isak Loheit recte Gerstenheim, der mit Esther geb. Loheit verheiratet war, ging nach der Polenaktion nach Przemysl, wo er früher mit seiner Mutter gelebt hatte, und ist dort am 29.Mai 1942 ums Leben gekommen. Seine Ehefrau war bereits 1930 in Dresden verstorben und ist auf dem Jüdischen Friedhof bestattet worden.
Die Verlegung der Stolpersteine für Familie Loheit 2024 wurde von Judy Greenblum, einer Großnichte von Ferdinand Loheit, und ihrer Familie initiiert.
Quellen:
Angaben der Familie von Judy, Eli und Sharon Greenblum
Rechercheergebnisse von Konrad Adolph
Arbeitskreis Gedenkbuch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e. V. (2006): Buch der Erinnerung. Juden in Dresden: Deportiert, ermordet, verschollen. 1933-1945. Thelem Universitätsverlag Dresden, S. 229
Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Datenbank Yad Vashem
Putzpate:
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