Details

Dimitri Obolensky

Bautzner Straße 82, Äußere Neustadt

HIER WOHNTE
DMITRI
OBOLENSKY
JG. 1894
DENUNZIERT
´REGIMEKRITIK‘
VERHAFTET 7.10.1944
TOT AN HAFTFOLGEN
10.2.1945



Dimitri Obolensky wurde am 13. Oktober 1894 in Sankt Petersburg als ältestes von vier Kindern des Fürstenpaares Elisabeth Obolensky, geborene Saltykova (1868–1957), und Alexis Obolensky (1855–1933) geboren. Nach dem Abitur auf der deutschsprachigen Annenschule in St. Petersburg ließ er sich im Pagenkorps, einer Militärakademie für Söhne von Adeligen und Militärs, zum Gardeoffizier ausbilden. Anschließend nahm er an der St. Petersburger Universität ein Studium unter anderem der Mathematik auf, konnte es aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs jedoch nicht beenden. Dimitri Obolensky diente in der Garde des Zaren, bis diese im Zuge der Februarrevolution 1917 aufgelöst wurde. Unter der neuen Sowjetregierung kam er kurzzeitig in Haft.
Mitte der 1920er-Jahre zog er nach Dresden, wo er bei seinen ebenfalls dorthin emigrierten Eltern in der Carlowitzstraße (heute: Bertholt-Brecht-Allee) 15 lebte. Der Emigrant war seither staatenlos. Dimitri Obolensky schrieb sich im Fach Mathematik an der Technischen Hochschule Dresden ein. Dort wurde Erich Trefftz (1888–1937), Professor für Technische Mechanik, sein akademischer Lehrer. Obolensky versuchte vergeblich, Treffz von seinen Forschungen zu überzeugen, die Gesetze der Mechanik infrage stellten. Ohne akademischen Abschluss und Fürsprache blieb er ein Außenseiter im deutschen Wissenschaftsbetrieb. An einer klassischen universitären Laufbahn hatte der Freigeist und Individualist allerdings auch wenig Interesse.
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten setzte Obolensky zunächst seine wissenschaftliche Vortragstätigkeit fort, so 1934 im Verein der Mathematiker und Naturwissenschaftler in Dresden oder auf einem Kongress der Mathematiker der slawischen Länder in Prag im Oktober 1934.
Obolensky, der neben Russisch und Deutsch auch fließend Englisch und Französisch sprach, verstand sich als russischer Patriot und auch als Kosmopolit. Dem Krieg als Mittel der Politik stand er skeptisch gegenüber. Stattdessen setzte er sich für Völkerverständigung ein. So gehörte er der Dresdner Ortsgruppe der All Peoples‘ Association an, die die internationale Freundschaft fördern wollte. Als Mitglied der Wladimir-Solowjow-Gesellschaft förderte er gleichzeitig die russische Kultur. In den ersten Jahren des Nationalsozialismus glaubte er nicht, dass vom „neuen Deutschland“ ein Krieg ausgehen könnte. Dieses verteidigte er 1935 in den „Dresdner Nachrichten“ gegen Kritiker aus der angloamerikanischen Welt als friedfertig.
Im Juni 1935 heiratete er die aus Luckau stammende verwitwete Lehrerin und Arzttochter Irmgard Kubaschewski, geborene Hirschfeld (1897–1957), die er Ende der 1920er-Jahre kennengelernt hatte. Seit 1937 lebte das Paar in der Bautzner Straße 82. Seine wachsende Distanz zum NS-Regime zeigte sich, als er mit anderen Mitgliedern 1939 die Dresdner russisch-orthodoxe Gemeinde verließ. Die von den Nationalsozialisten erzwungene Enteignung des Kirchengrundstücks und die Angliederung der Dresdner Gemeinde an die dem NS-Regime genehme russisch-orthodoxe Auslandskirche wollte er nicht hinnehmen. Seinen Lebensunterhalt verdiente Obolensky unter anderem mit Sprachunterricht an der Kriegsschule Dresden (heute: Offiziersschule des Heeres) in der Dresdner Albertstadt. 1939 verließ er die Schule wieder. Anschließend arbeitete Dimitri Obolensky im Werk Ica bei Zeiss-Ikon als Sachbearbeiter in der Patentabteilung. Ein befreundeter Arbeitskollege erinnerte sich an Vorladungen zur Gestapo: Obolenksy habe sich zuvor abfällig in französischer Sprache über das deutsche Militär geäußert und den deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 kritisiert. Auch berichtete der Kollege von einem Nachrichtenzirkel in ihren Büroräumen, wo sie Auslandssender abhörten. Als Obolensky schließlich gegenüber einem neuen Vorgesetzten den Krieg für verloren erklärte, erwirkte dieser seine Entlassung. Anfang 1944 wechselte Obolensky daher von dem Kamerawerk in die Patentabteilung der Dresdner Firma Mimosa AG, einem Hersteller von Fotopapier.
Am 6. Oktober 1944 wurde Dimitri Obolensky nach der Denunziation durch einen Arbeitskollegen bei der Mimosa verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, sich gegenüber anderen Beschäftigten staatsfeindlich geäußert zu haben. Nach zweiwöchiger Gestapohaft im Polizeigefängnis in der Dresdner Schießgasse wurde Dimitri Obolensky in die Untersuchungshaftanstalt in der George-Bähr-Straße 5 überführt, wo ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde. Seiner Schwester Anna von Gersdorff (1898–1973), die ihn in der Untersuchungshaft besuchte, erzählte er welche „Hölle“ die Gestapohaft gewesen sei. Die Strafverfolgung der regimekritischen Äußerungen Obolenskys, die seit Kriegsbeginn als „Zersetzung der Wehrkraft“ geahndet wurden, gab die zuständige Oberreichsanwaltschaft beim Volksgerichtshof an die Dresdner Generalstaatsanwaltschaft ab. Deshalb wurde Obolensky zu Beginn des Jahres 1945 in die mit dem Oberlandesgericht Dresden verbundene Haftanstalt in der Dresdner Mathildenstraße 59 überführt. Zu einem Prozess vor dem Oberlandesgericht Dresden kam es jedoch nicht mehr. Nach einwöchiger schwerer Erkrankung ließ der Gefängnisarzt den 50-Jährigen am 8. Februar 1945 in das Johannstädter Krankenhaus einweisen. Durch die Haft körperlich geschwächt und psychisch schwer angegriffen, starb Dimitri Obolensky zwei Tage später an einer Sepsis, verursacht durch eine Wundrose.
Nach der Freigabe durch die Dresdner Gestapo ließ Irmgard Obolensky den Leichnam ihres Mannes – zeitlich verzögert durch die Bombenangriffe auf Dresden Mitte Februar – am 24. Februar 1945 auf dem Dresdner Johannisfriedhof bestatten. Das Grab wird bis heute von seiner Nichte Alexandra von Gersdorff gepflegt.

Birgit Sack

Quellen
Arolsen Archives, ITS Digital Archives: Teilbestand 2.1.4.2 SN 014 7 Informationen über Ausländer, die sich während des Kriegs im Kries Dresden (SK) aufhielten / 70975526

Bundesarchiv: R 3017 (Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof)/27620 (Ermittlungsakte)

Obolensky, Dmitri, in: Datenbanken, Grabsteine, Dresden-Tolkewitz, genealogy.net, https://grabsteine.genealogy.net/tomb.php?cem=7053&tomb=918&b=O&lang=de (Datum)

Sächsisches Staatsarchiv – Hauptstaatsarchiv Dresden: 11430 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Dresden, VdN Nr. 5696 (Irmgard Obolensky)

Telefonat mit Alexandra von Gersdorff, 16.3.2025

Universitätsarchiv der TU Dresden: Nachlass Trefftz, Nr. 43; Außenstelle Medizin, Bestand Sektionsprotokolle, Registerbuch 1945

Der Nobelpreis und seine letzten Träger, in: Dresdner Nachrichten, 1.5.1934

Dimitri Obolensky, Eine Amerikanerin erlebt das neue Deutschland, in: Dresdner Nachrichten, 6.9.1935

Dmitri Obolensky, Über eine neue Formulierung der statodynamischen Grundbeziehung in der Mechanik, in: ?asopis pro p?stování matematiky a fysiky, Vol. 64 (1935), Nr. 6, S. 235–237

Kulturabend der russischen Solowjow-Gesellschaft, in: Dresdner Nachrichten, 28.6.1935

Der Stolperstein für Dimitri Obolensky wurde auf Initiative des Deutsch-Russischen Kulturinstituts e. V. verlegt.

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