Gustav Hermann Kottner
Klingenberger Str. 3, PlauenHIER WOHNTE
GUSTAV HERMANN
KOTTNER
JG. 1875
ZEUGE JEHOVAS
INHAFTIERT 1937-1938
GEFÄNGNIS DRESDEN
VERHAFTET 1940
GEFOLTERT DRESDEN-PAUEN
ERMORDET 20.2.1941
Weitere Stolpersteine in Klingenberger Str. 3:
Kottner, Martha
Gustav Hermann Kottner wurde am 13.08.1875 in Mittellinda (heute Gmina Platerówka, Polen) bei Görlitz als Sohn von Gottlieb und Henriette Kottner, geb. Lindemann geboren. 1 Er arbeitete als Schaffner bei der Reichsbahn2 und heiratete im Jahr 1899 Martha Minna Körbs. Beide wohnten in Dresden-Plauen, Klingenberger Str. 3. Das Ehepaar hatte vier Kinder: Margarethe (Gretel, geb. 1901, später verheiratete Seifert), Karl Herrmann Bruno (geb. 1904/1905), Elsa (Else) Hertha (geb. 1907, später verheiratete Brosius) und Kurt Gerhard (oder Kurt Herbert; geb. 1911/1912).
Ab 1921 bekannte er sich (wie zuvor schon seine Frau) zu den Bibelforschern (ab 1931: Jehovas Zeugen). Nachdem die Religionsgemeinschaft 1933 verboten worden war, wurde Gustav Hermann Kottner im Untergrund als Kurier tätig und schmuggelte Schallplattenvorträge sowie Matrizen von Publikationen der Zeugen Jehovas.
Am 12.12.1936 verteilten rund 3.500 Zeugen Jehovas 100.000 Flugblätter, in denen sie ihre brutale Verfolgung durch die „Hitlerregierung“ aufdeckten. 3 Gustav Hermann Kottner beteiligte sich in Dresden an der Verbreitung der Flugblätter. Im Sommer 1937 traf er sich im Bergischen Land heimlich mit Heinrich Dietschi, der damals die Untergrundtätigkeit von Jehovas Zeugen koordinierte, stellte dadurch den Kontakt zur Untergrundorganisation in Dresden her und vermittelte zwei illegale Treffen leitender Zeugen Jehovas.
Kurz darauf wurde seine Frau verhaftet. Auch Gustav Hermann Kottner wurde mehrfach von der Gestapo verhört. 4 Schließlich wurde auch gegen ihn am 16.11.1937 der Haftbefehl wegen „Fluchtverdacht, Hartnäckigkeit und Verdunkelungsgefahr“ ausgestellt und vollstreckt. Laut Unterlagen des Amtsgerichts bestritt der inzwischen 62-Jährige seine Haftfähigkeit, da er im Vorjahr Lungenbluten hatte. Außerdem wurde ihm noch am Tag der Inhaftierung bescheinigt, er sei „außerordentlich senil und zittrig“. In einer amtsärztlichen Bescheinigung vom 28.11.1937 wurden weitere Untersuchungen vorgeschlagen. Am 26.01.1938 wurde ihm schließlich die Haftunfähigkeit bescheinigt, da er aufgrund „präseniler Demenz [...] unfähig [sei], das Unerlaubte seiner Tat einzusehen“. Darauf beschloss das Amtsgericht Dresden am 03.02.1938 seine unverzügliche Freilassung. Am 09.03.1938 beantragte der Oberstaatsanwalt am Sondergericht Freiberg ersatzweise seine zwangsweise „Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt“. Dies lehnte das Sondergericht in seiner Entscheidung vom 19.04.1938 allerdings ab und unterstellte ihn stattdessen der Aufsicht seines Sohnes, der seinen Glauben nicht teilte. 5
Doch bereits 1940 wurde Gustav Hermann Kottner in Dresden erneut verhaftet und misshandelt. In Dresden-Plauen sperrte man ihn in eine Wasserzelle ein, in der er im Winter längere Zeit im kalten Wasser stehen musste, welches ihm bis zum Hals reichte. 6 Daraufhin zog er sich eine Lungenentzündung zu, an der er am 20.02.1941 in Dresden-Plauen verstarb. 7
Nach seinem Tod hörte die Verfolgung der Familie nicht auf. Seine Ehefrau Martha Kottner, die bereits aufgrund ihres Glaubens vom 14.09.1937 bis zum 21.02.1938 in Sachsen inhaftiert war, wurde wegen Verteilung von Flugblättern vom 24.11.1943 bis zum 26.04.1945 ohne Urteil zunächst kurz in Dresden, dann in Bayern inhaftiert (u. a. in München).
Sein Schwiegersohn Bruno Seifert (Gretels Ehemann) kam spätestens um 19.02.1937 wegen Wehrdienstverweigerung in Haft. Vom 18. März bis 21. Oktober 1937 hielt man ihn in Torgau gefangen. 8 Er verstarb am 15.03.1954 an den Folgen schwerer Misshandlungen in SED-Haft – Jehovas Zeugen waren 1950 in der DDR erneut verboten worden.
Sein Schwiegersohn Friedrich Brosius (Elses Ehemann) verlor am 31.05.1934 wegen Verweigerung des Hitlergrußes seinen Arbeitsplatz. Zwischen 1936 und 1945 war er fast 8 Jahre lang in einer ganzen Reihe von Gefängnissen und im KZ Buchenwald, wo er im Mai 1945 die Befreiung erlebte. Seit 2002 erinnert in seiner Heimatstadt Wermelskirchen ein Stolperstein in der Wielstraße 16 – der erste, der in Wermelskirchen überhaupt verlegt wurde. 9
Quellen:
1 Vgl. Sächsisches Staatsarchiv Dresden (SächsStA-D), 11027 Sondergericht Freiberg, Karton 503, Kms/SG 98/38.
21 Vgl. ITS Digital Archive, Arolsen Archives, Korrespondenz 1.1.5.3/5617307.
3 Vgl. Gerhard Besier/Katarzyna Stoklosa (Hgg.), Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart, Bd. 3, Berlin 2018, S. 178.
4 Die Verhöre fanden am 29.09.1937, 19.10.1937 und 10.11.1937 statt.
5 SächsStA-D, 11027 (Anm. 1).
6 Vgl. Erlebnisbericht seiner Enkelin Ursula Vossiek (1932–2003) gezeigt in der Ausstellung „Hückeswagen, Radevormwald und Wermelskirchen im Nationalsozialismus 1933–45“ im Wülfing-Museum vom 4. Juni bis 10. Juli 2005; bestätigt durch Interview mit seiner Enkelin Inge Eichhorn, 17.05.2021.
7 Vgl. Akte Martha Kottner, JVA München 5076.
8 Vgl. SächsStA-D, 11430 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Dresden, Akte Verfolgte des Nationalsozialismus (VdN), Nr. 04065, Strafregister.
9 Vgl. T. Martin Krüger, „Eine Bibel schön und groß, haben sie gefunden, diese Sünde, denkt euch bloß, kostet viele Arbeitsstunden“. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas 1933 bis 1945 in Hückeswagen, Radevormwald und Wermelskirchen, Remscheid 2022, S. 23-29.
Putzpate:
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