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Martha Kottner

Klingenberger Str. 3, Plauen

HIER WOHNTE
MARTHA KOTTNER
GEB. KÖRBS
JG.1879
ZEUGIN JEHOVAS
INHAFTIERT 1937-1938
GEFÄNGNIS DRESDEN
1943 MÜNCHEN-STADELHEIM
TRAUNSTEIN
BEFREIT



Weitere Stolpersteine in Klingenberger Str. 3:
Kottner, Gustav Hermann

Martha Minna Kottner wurde am 20.08.1879 in Buttstädt (Thüringen) als Tochter des Landwirts Ferdinand Körbs und seiner Frau Wilhelmine geb. Scheibel geboren. Im Jahr 1899 heiratete sie Gustav Hermann Kottner. Beide wohnten in Dresden-Plauen, KlingenbergerStr.3. 1 Das Ehepaar hatte vier Kinder: Margarethe (Gretel, geb. 1901, später verheiratete Seifert), Karl Herrmann Bruno (geb. 1904/1905), Elsa (Else) Hertha (geb. 1907, später verheiratete Brosius) und Kurt Gerhard (oder Kurt Herbert; geb. 1911/1912). Am 2. oder 3. August 1919 ließ sich Martha Kottner gemeinsam mit ihren beiden Töchtern als Bibelforscher taufen, wie Jehovas Zeugen bis 1931 genannt wurden. 1921 nahm auch ihr Ehemann ihren Glauben an.
Am 12.12.1936 verteilten rund 3.500 Zeugen Jehovas 100.000 Flugblätter, in denen sie ihre brutale Verfolgung durch die „Hitlerregierung“ aufdeckten. 2 Auch Martha Kottner beteiligte sich in Dresden an der Verbreitung der Flugblätter. Nachdem sie einem bedürftigen Glaubensbruder 1,87 Reichsmark gegeben hatte, wurde sie am 14.09.1937 verhaftet. 3 Die NS-Justiz wertete dies nämlich als Unterstützung der verbotenen Internationalen Bibelforschervereinigung. Am 04.01.1938 verurteilte das Sondergericht Freiberg sie zu 5 Monaten Haft, die sie bis zum 21.02.1938 verbüßte. 4
Während ihrer Haft wurde auch ihr Ehemann Gustav verhaftet und nach fast 3 Monaten als haftunfähig entlassen. Das Gericht unterstellte ihn der Aufsicht seines Sohnes, „um ihn auf diese Art und Weise von seiner [...] [Ehefrau] zu trennen“. 5 1940 wurde er erneut verhaftet und starb nach Folter in der Haft am 20.02.1941 in Dresden-Plauen. 6
Martha Kottner wurde am 24.11.1943 erneut verhaftet, während sie auf ihre 7-jährige Enkelin Ingeborg (Inge) aufpasste. Die Polizisten ließen das kleine Mädchen unbeaufsichtigt in der leeren Wohnung zurück. 7 Mitte Dezember 1943 kam Martha nach München-Stadelheim und am 23.12.1943 wegen Überfüllung nach Traunstein. 8 Mit über 200 weiteren Zeugen Jehovas wurde sie vom Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof des Hochverrats und der Wehrkraftzersetzung beschuldigt. 9 Die Anklageschrift warf ihr vor, „etwa 12 illegale Bibelforscherschriften zum Lesen“ erhalten zu haben. „Seit Frühjahr 1942 spendete sie für die illegale Organisation der IBV. etwa fünfmal Geldbeträge in Höhe von 1 – 1,50 RM.“ 10 Sie gehörte zu 35 Angeklagten, deren Verfahren am 12.07.1944 abgetrennt wurde. 11 Wie sie selbst sagte, erwartete sie die Verbringung ins KZ. 12 Dazu kam es jedoch nicht. Sie blieb bis 26.04.1945 im Gefängnis, 13 und zwar ohne Urteil. 14 Die Alliierten entließen sie am 29.05.1945 aus Traunstein nach Hause. 15

Auch ihre beiden Schwiegersöhne litten unter der NS-Verfolgung:
Bruno Seifert (Gretels Ehemann) kam spätestens um 19.02.1937 wegen Wehrdienstverweigerung in Haft. Vom 18. März bis 21. Oktober 1937 hielt man ihn in Torgau gefangen. 16 Er verstarb am 15.03.1954 an den Folgen schwerer Misshandlungen in SED-Haft – Jehovas Zeugen waren 1950 in der DDR erneut verboten worden.
Friedrich Brosius (Elses Ehemann) verlor am 31.05.1934 wegen Verweigerung des Hitlergrußes seinen Arbeitsplatz. Zwischen 1936 und 1945 war er fast 8 Jahre lang in einer ganzen Reihe von Gefängnissen und im KZ Buchenwald, wo er im Mai 1945 die Befreiung erlebte. Seit 2002 erinnert in seiner Heimatstadt Wermelskirchen ein Stolperstein in der Wielstraße 16 – der erste, der in Wermelskirchen überhaupt verlegt wurde. 17

Martha Kottner wurde am 10.09.1945 mit Ausweis Nr. 17.114 offiziell als „Opfer des Faschismus“ (OdF) anerkannt. Durch die Haft war die Gesundheit der 66-Jährigen stark angegriffen. Daher genehmigte das Landratsamt Dippoldiswalde ihr ab 14.11.1946 eine vierwöchige Erholung im OdF-Heim in Waldbärenburg. Am 25.04.1950 forderte man sie auf, dem Prüfungsausschuss schriftlich zu bestätigen, dass sie bereit sei, im Alter von 70 Jahren „für den demokratischen Aufbau [...] im Rahmen der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands mitzuarbeiten“. Nachdem sie wegen ihrer apolitischen Haltung fast ein ganzes Jahr in NS-Haft zugebracht hatte, knüpfte man nun ihren NS-Verfolgtenstatus an ein politisches Statement. Nur 4 Monate später, am 30.08.1950, wurden Jehovas Zeugen in der DDR erneut verboten. Martha Kottner war zufällig gerade bei ihren Kindern in Wermelskirchen zu Besuch und entschloss sich vor diesem Hintergrund, nicht mehr nach Dresden zurückzukehren. Sie verstarb am 30.04.1969 in Wermelskirchen.

Quellen:
1 Vgl. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (BArch), Akte R3017 / 32213, Bd. 7, Angeklagte Nr. 99.

2 Vgl. Gerhard Besier/Katarzyna Stoklosa (Hgg.), Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart, Bd. 3, Berlin 2018, S. 178.

3 Vgl. Sächsisches Staatsarchiv Dresden (SächsStA-D), 11430 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Dresden, Akte Verfolgte des Nationalsozialismus (VdN), Nr. 04065.

4 Vgl. BArch, Akte R3017 / 32213, Bd. 7, S. 104.

5 SächsStA-D, 11027 Sondergericht Freiberg, Karton 503, Kms/SG 98/38.

6 Vgl. Akte Martha Kottner, JVA München 5076.

7 Vgl. Verfolgt! Nur wegen ihres Glaubens, in: Bergische Morgenpost, 27.01.1923, S. C4.

8 Vgl. Brief des Staatsarchivs München an T. Martin Krüger zur Akte JVA München 5076, 15.07.2021. 9 Vgl. SächsStA-D, VdN, Nr. 04065 (Anm. 3).

10 BArch (Anm. 4), Bd. 7, S. 104.

11 Vgl. aaO., Bd. 5, Bl. 38.

12 Vgl. SächsStA-D, VdN, Nr. 04065 (Anm. 3), Bl. 11.

13 Martha Kottner erlebte zwei Haftunterbrechungen: vom 03.01.1944 bis 22.06.1944 (Aufenthalt im Städtischen Krankenhaus Traunstein, haftbedingter Gelenkrheumatismus) und vom 03.12.1944 bis 04.01.1945.

14 Vgl. Landesarchiv NRW, Entschädigungsakte BR 3008 Nr. 15063, Brief vom 27.01.1949.

15 Vgl. ITS Digital Archive, Arolsen Archives, Alliiertenbefehl zur Erfassung von Verfolgten, 2.1.1.1/70251786.

16 Vgl. Strafregister in SächsStA-D, VdN, Nr. 04065 (Anm. 3).

17 Vgl. T. Martin Krüger, „Eine Bibel schön und groß, haben sie gefunden, diese Sünde, denkt euch bloß, kostet viele Arbeitsstunden“. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas 1933 bis 1945 in Hückeswagen, Radevormwald und Wermelskirchen, Remscheid 2022, 23-29.



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