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Lina Nachod

Arndtstraße 2, Dresden-Neustadt

HIER WOHNTE
LINA NACHOD
JG. 1872
DEPORTIERT 1943
THERESIENSTADT
ERMORDET 22.6.1943



Lina Alexandra Antonie Nachod wurde am 10. Dezember 1872 als viertes Kind von Moritz Nachod (1810-?) und seiner Ehefrau Caroline, geborene Friedeberg (1830-1873) im großen Eckhaus der Lessingstraße 2 in Dresden geboren. Ihr Vater war Kaufmann und Mitbesitzer der Firma Reisig und Kompagnon „Englische Manufakturwaren“. Ihre Geschwister Bertha, Adolf und Oscar sind bereits 19, 18 und 14 Jahre alt. Leider verstirb ihre Mutter 1873. Zunächst kümmert sich Bertha viel um Lina, später beschützt sie Oscar. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts weiter bekannt, als dass sie im jüdischen Glauben in der israelitischen Gemeinde aufwächst.
Um 1885 kehrt Oskar von seinen Weltreisen nach Leipzig zurück. Er bezieht dort eine eigene Wohnung und wird Prokurist in der von Christian Gottfried Reißig und seinem Vater gegründeten Firma. Als 1889 Linas Vater stirbt, wird das Haus in der Lessingstraße 2 verkauft und Lina zieht zu ihrem Bruder Oskar, da sie erst 17 Jahre und somit nicht volljährig ist. Lina hat durch das väterliche Erbe ausreichend Vermögen, aber was sie damit macht, ist unbekannt.
Im Adressbuch von 1895 kommt Lina erstmalig mit eigener Adresse vor. Sie steht dort als Rentnerin, was allerdings nur besagt, dass sie versorgt ist und nicht auf Arbeit angewiesen. Sie ist jetzt 24 Jahre. Ab 1910 wohnt sie in der Liviastraße 5 und ab 1915 in der Funkenburgstraße 16.
Als Oskar 1925 nach Dresden zieht und heiratet, kauft er dort in der Radeberger Vorstadt die Villa in der Arndtstraße 2. 1932 zieht Lina dann wieder zu Oskar und wohnt in der obersten Etage dieser Villa. Oskar stirbt am 2. Oktober 1933. Sicher ist er eines natürlichen Todes gestorben, aber die Machtübernahme von Hitler und dessen Einstellung zu den Juden waren nicht aufbauend für Oskars Leiden. Er wird auf dem Südfriedhof in Leipzig beigesetzt und bekommt einen sehr schönen Grabstein. Lina wohnt nun mit der Witwe allein in der großen Villa. Ist sie in dieser Zeit zum evangelischen Glauben konvertiert, oder schon früher? Als Anna Auguste, Oskars Ehefrau, 1938 stirbt, muss Lina das Haus verlassen. Die Erben wollen es verkaufen. Wo soll sie hin? Noch gibt es keine „Judenhäuser“, aber es ist anscheinend für sie nicht möglich, in Dresden eine Wohnung zu finden, obwohl ihre Vermögen noch ausreichend ist.
Sie geht nach Braunschweig. Zunächst wohnt sie 1939 in der Schuntersiedlung in der Coronelstraße 22, wohl bei Natzschkas. So ist sie und auch Natzschkas in „mapping the lives“ zu finden. Das war Linas letzte Adresse, die kein „Judenhaus“ war. 1940 lebt Lina im „Judenhaus“ Ferdinandstraße 9 und ab 1941 im Meinhardshof 3. Von dort wird sie am 17. März 1942 mit 70 weiteren alten oft gebrechlichen Juden nach Berlin transportiert und dann weiter nach Theresienstadt.
Lina gilt als nicht arbeitsfähig und wird in die Hohenelber Kaserne, die als Hauptkrankenhaus fungiert, eingewiesen. In einem großen Schlafsaal, es sind kellerartige Gewölbe, erhält Lina ein Bett in der „Irrenabteilung“. Hier verbringt Lina ihre letzten Lebenswochen. Am 22. Juni 1943 verstirbt sie um 11.30 Uhr. Als Todesursache werden Herzmuskelentartung und angeborene Geistesschwäche bescheinigt. An angeborener Geisterschwäche mit 71 Jahren zu sterben, ist allerdings ungewöhnlich und ist wohl einfach die Diagnose aufgrund ihres depressiven und nur noch dahinvegetierenden Zustands. Ort und Zeit ihrer Einäscherung sind nicht vermerkt. Gab es für sie eine christliche Trauerfeier? Die Asche der Verstorbenen wurde in kleine Pappkartons gefüllt und im Kolumbarium gegenüber den Zeremonieräumen gelagert. Kurz vor Kriegsende wurden diese Kartons dann in langen Häftlingsketten auf Lastwagen verladen und wenige 100 Meter weiter die Asche in die Eger geschüttet. Die vorher akribisch beschrifteten Pappen wurden einfach verbrannt. Nichts ist von Lina mehr da.

Die Urgroßnichte von Lina Nachod veranlasste die Verlegung des Stolpersteins im September 2022.

Quellen

Ancestry.com & Geni.com: Ehe-Geburts- und Sterbeurkunden, sowie weitere Schriftstücke und Familienstammbäume.
Angaben der Familie.
Chádková, Ludmila (2005): Ghetto Theresienstadt. Verlag V Raji.
Friedenszentrum Braunschweig e.V.: „Gedenktafel Braunschweig“ https://www.friedenszentrum.info/index.php/gedenkstaetten/gedenkpunkte [26.08.2022].
Gedenkbuch des Bundesarchivs https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ [26.08.2022].
Historische Adressbücher der Städte Leipzig, Dresden, Braunschweig.
Karny, Miroslav; Terezínská iniciativa (2000): Theresienstädter Gedenkbuch: Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942-1945. https://www.ushmm.org/online/hsv/source_view.php?SourceId=32727 [26.08.2022].
Tracing the Past e.V.: „Interaktive Stadtpläne mit den Adressen der zwischen 1933 und 1945 in Europa durch das NS-Regime Verfolgten“ [26.08.2022].
Wikipedia: „Schuntersiedlung“ https://de.wikipedia.org/wiki/Schuntersiedlung [26.08.2022].
Wikipedia: „Meinhardshof“ https://de.wikipedia.org/wiki/Meinhardshof [26.08.2022].
Yad Vashem: Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de [26.08.2022].

Putzpate:
bereits vergeben

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