Details

Maria Lange

Geisingstraße Ecke Borsbergstraße 14, Striesen

HIER WOHNTE
MARIA LANGE
GEB. STEPHAN
JG. 1906
SEIT 1935 MEHRERE HEILANSTALTEN
ZWANGSSTERILISIERT 1936
"VERLEGT" 27.11.1940
PIRNA-SONNENSTEIN
ERMORDET AM 27.11.1940
"AKTION T4"



Maria Stephan wurde am 22. Dezember 1906 im schlesischen Bad Kudowa geboren. Sie wuchs mit einer Schwester und vier Brüdern in einer streng katholischen Familie auf. Die Eltern waren Kleinbauern mit wenig Grundbesitz.
Nach dem Schulabschluss arbeitete sie als Verkäuferin in einem Blumengeschäft und in einer Buchhandlung. Ab 1921 besuchte sie eine Stickschule und erlernte das Weißnähen. Ende der 1920er Jahre ging sie nach Dresden und lernte dort Alfred Lange kennen. Sie heirateten am 14. März 1931 und hatten eine kleine Wohnung auf der Geisingstraße 12. Ihre Eltern betrachteten sie seither als „Ketzerin“ und verwehrten ihr fortan den Zutritt zum Elternhaus.
Das Paar hatte zwei Töchter, Charlotte Marianne (*1931) und Käte Brigitte (*1932). Maria Lange ließ die Kinder gegen den Willen des Ehemanns katholisch taufen. Die anfangs glückliche Ehe litt bald unter finanzieller Not wegen der Weltwirtschaftskrise. Alfred Lange verlor seine Arbeit als Schlossergehilfe, und sie konnten die Wohnungsmiete nicht mehr bezahlen. Sie gaben die Töchter zur Großmutter, Alfred wohnte vorübergehend bei Bekannten und Maria fand Zuflucht in einem Obdachlosenheim auf der Lortzingstraße, bis ihnen eine Notwohnung in einem Barackenbau am Weißeritzufer 59 (heute Emerich-Ambros-Ufer) zugewiesen wurde.
Die räumliche Enge, wirtschaftliche Not und der kühle Charakter ihres Mannes belasteten Maria schwer, und im Dezember 1934 traten erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung bei ihr auf. Sie wurde vergesslich, litt unter Angstzuständen und fühlte sich verfolgt. Deshalb reiste die Familie 1935 in Marias alte Heimat in Schlesien, damit sie sich erholen konnte. Doch die Verwandten lehnten weiterhin den Kontakt ab. Auf der vorzeitigen Rückreise steigerten sich Marias Angstzustände und sie versuchte, aus dem fahrenden Zug zu springen. Ihr Mann brachte sie deshalb sofort ins Stadtkrankenhaus Löbtauer Straße, von wo sie nach einigen Wochen mit der Diagnose Schizophrenie in die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein verlegt wurde.
Aufgrund des 1933 erlassenen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ stellte die Anstaltsleitung am 18. Februar 1936 den Antrag zur Sterilisierung, dem Maria Lange auch zustimmte, um bald nach Hause entlassen zu werden. Das Erbgesundheitsgericht Dresden beschloss die Unfruchtbarmachung nach dem Gutachten des Sonnensteiner Abteilungsarztes Dr. Winkelmann, ohne dass Maria Lange nochmals untersucht oder angehört wurde. Die Operation erfolgte am 8. April 1936 im Stadtkrankenhaus Pirna, und zwei Wochen später wurde Maria Lange entlassen und konnte zu ihrer Familie zurückkehren.
Am 4. Juni 1936 erstatte ihr Ehemann jedoch Anzeige bei der Polizei, weil sie ihn mit einem Messer bedroht habe und Feuer mit einer Bezinflasche anzünden wollte. Am gleichen Tag wurde sie deshalb erneut ins Stadtkrankenhaus Löbtauer Straße eingewiesen. Dort war sie von Anfang an äußerlich ruhig, geordnet, vollkommen klar und besonnen. Sie gab zwar bereitwillig, doch etwas einsilbig und kurz angebunden, dabei recht vorsichtig in der Formulierung Auskunft. Sie machte einen gedrückten und gequälten Eindruck und berichtete, dass es zuhause gleich wieder losgegangen sei, der Mann ihr das Leben zur Hölle mache, und sie aus allerhand Bemerkungen schließen konnte, dass er sie los sein wollte. Er habe sie so lange schikaniert, bis sie ihre Beherrschung verlor, auch die Kinder möge er nicht leiden und habe durch überflüssiges Lüften Anlass gegeben, dass diese erkrankten, so in der Krankenakte beschrieben. Man glaubte ihr jedoch nicht und hielt sie infolge ihrer Wahnideen für sich und andere gefährlich und beantragte die geschlossene Unterbringung. So kam sie wieder nach Pirna-Sonnenstein, wo ihre Kinder sie nur ein einziges Mal besuchten. Der Ehemann ließ noch im selben Jahr die Ehe annullieren. Maria Lange nahm ihren Geburtsnamen Stephan wieder an und hatte wohl auch ihren Rufnamen schon länger als Marie angegeben, die Gründe konnten nicht geklärt werden. Die Einträge in der Krankenakte schildern Marie Stephan als verschlossen und abweisend, zeitweise gereizt mit gewalttätigen Ausbrüchen. Man unterzog sie häufig einer Cardiazolkrampfbehandlung, auch zur Sozialisierung, die sie als Bestrafung erlebte und deshalb durch Wohlverhalten zu vermeiden suchte. Die Cardiazolkrampfbehandlung bildete die erste und häufig angewandte medikamentöse Schockbehandlung bei schweren psychischen Erkrankungen (vor der Entwicklung von Psychopharmaka), die wegen hoher Risiken und Nebenwirkungen später verboten wurde und in seltenen Fällen heute durch die gut verträgliche Elektroheilkrampfbehandlung ersetzt wird.
Die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein wurde im Herbst 1939 geschlossen und im Frühjahr 1940 als Tötungsanstalt wiedereröffnet. Marie Stephan war zwischenzeitlich nach Leipzig-Dösen und später nach Arnsdorf verlegt worden. Von dort schickte sie eine Postkarte an die ältere Tochter mit der Nachricht, dass die Anstalt geräumt werde, sie bereits gepackt habe und bald nach Hause käme. Das sorgte für einige Unruhe im Hause Lange, da der Vater inzwischen wieder verheiratet war. Sie kam jedoch nicht. Am 27. November 1940 wurde sie im Rahmen der „T4-Aktion“ nach Pirna-Sonnenstein verlegt und am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet. Ihre Geschwister in Bad Kudowa erhielten die Nachricht, dass sie am 6. Dezember an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung gestorben sei. Der Bruder beschwerte sich über die späte Meldung und verlangte die Übersendung der Urne, die im Familiengrab in Bad Kudowa in aller Stille beigesetzt wurde.
Den Töchtern gelang es erst Ende der 1970er Jahre, Kontakt mit den schlesischen Verwandten aufzunehmen, die zum Kriegsende nach Westdeutschland geflohen waren und Dokumente über Maria Stephan retten konnten, sodass ihr Schicksal aufgeklärt werden konnte.

Die Enkel veranlassten 2022 die Verlegung eines Stolpersteins für Maria Lange.

Quellen

Angaben der Angehörigen
Fleck, Linda (2016): Marie Stephan (1906-1940): Biografisches Porträt eines sächsischen Opfers der NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Pirna: Gedenkstätte Pirna Sonnenstein, Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Heft 4.
Archiv Sächsische Gedenkstätten.
Adreßbuch für Dresden und Vororte, S. 439.

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