Details

Julius Lewin

Hoyerswerdaer Str. 1, Innere Neustadt

HIER WOHNTE
JULIUS LEWIN
JG. 1875
VERHAFTET 1941
POLIZEIGEFÄNGNIS DRESDEN
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
BEFREIT



Weitere Stolpersteine in Hoyerswerdaer Str. 1:
Lewin, Sarah

Julius Lewin wurde am 22. April 1875 in Gollub an der Weichsel (heute Golub-Dobrzyn, Polen) als Sohn eines Tabak- und Zigarettenfabrikanten geboren. Er trat in die Firma seines Vaters ein und übernahm sie später. Er nahm am 1. Weltkrieg teil, wurde verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz. 1919 verlegte der gelernte Kaufmann die Fabrik nach Dresden in die Freiberger Straße und gab ihr 1922 den Namen Orientalische Tabak- und Zigarettenfabrik Yramos Julius Lewin. Die Firma war „trust- und konzernfrei“ und damit ein unabhängiges Unternehmen, das sich durch die Produktion von Marken- und Qualitätszigaretten auszeichnete. Bald wurde der älteste Sohn Hermann Lewin Mitinhaber, ein hervorragender Tabakkenner, der selbst die Einkäufe in Athen und auf dem Balkan tätigte. 1932 verlegten sie die Firma in größere Räumlichkeiten auf der Laubestraße 24, die vorher der Firma Lande gehört hatten, und beschäftigten etwa 200 Arbeiter und Angestellte. Sie produzierten 500 Millionen vorwiegend leichte Zigaretten im Jahr, die durch mehr als 40 auswärtige Vertreter vertrieben wurden. Zum zeitgemäßen Marketing gehörten neben Anzeigen auch Sammelbilderserien, Kartenspiele und gläserne Aschenbecher.
Der Junior-Chef wohnte mit seiner Frau ganz in der Nähe der Fabrik zur Miete auf der Müller-Berset-Straße 21, während Julius Lewin mit seiner Frau Sarah im eigenen Haus auf der Kurfürstenstraße 11 (heute Hoyerswerdaer Straße) wohnte. Julius Lewin betätigte sich in der orthodoxen Kultuskommission der jüdischen Gemeinde und war Mitglied eines orthodoxen Vereins, der seinen Sitz und eine eigene Betstube in der Kurfürstenstraße 22 hatte und auch das Ritualbad in der Ziegelstraße 54 verwaltete. Auch in der Firma Yramos gab es einen Raum für religiöse Zwecke, und es wurde die Sabbatruhe eingehalten, also samstags nicht gearbeitet.
Durch den antijüdischen Boykott nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlor Yramos zunächst einen Teil der Händler und konnte keine erstklassigen Rohtabake mehr einkaufen. Die Lewins traten der Interessengemeinschaft Zigarettenindustrie bei, um die Firma trotz ungünstiger Bedingungen überhaupt noch weiterführen zu können. Der Umsatz ging jedoch 1936 rapide zurück, und es mussten Mitarbeiter entlassen werden. Sie behielten zwar die jüdischen Angestellten und stellten auch weitere ein, die anderswo ihre Arbeit verloren hatten, aber nach einer Gestapo-Razzia 1937 stimmte Julius schließlich seinem Sohn zu, die Firma zu verkaufen. Anfang 1938 erwarb der Großbetrieb Greiling das Familienunternehmen. Die Kaufsumme wurde vom Staat konfisziert, und so musste Hermann Lewin mit seiner Frau Else mittellos emigrieren, zunächst nach Dänemark, dann in die USA. Das gelang auch den anderen Söhnen.
Nach Überschreibung der Warenzeichen auf die Firma Greiling wurde Yramos 1941 aus dem Handelsregister gestrichen.
Julius Lewin blieb mit seiner Frau Sarah in Dresden. 1941 wurde er von der Gestapo verhaftet und war 26 Tage im Polizeigefängnis. Die Enkelin berichtete, dass er nur dem Transport nach Buchenwald entging, weil er einem alkoholabhängigen Wachmann Geld gegeben hatte.
Am 22. September 1942 wurde das Ehepaar mit dem Transport V/7 nach Theresienstadt deportiert, wo seine Frau Sarah am 17. Oktober verstorben ist. Julius Lewin gestaltete dort zusammen mit Rabbi Leo Baeck die heimlichen Gottesdienste und hat zu Jom Kippur und Rosh Hashana jedes Jahr Schofar geblasen. Viele der Mitgefangenen haben sich so an ihn und sein sanftes Wesen erinnert. Er erlebte die Befreiung und kehrte im Juni 1945 nach Dresden zurück, folgte aber bald seinem Sohn nach New York, wo er 1950 gestorben ist.

Die Verlegung des Stolpersteins für Julius Lewin 2024 wurde von seiner Enkelin angeregt.

Quellen:
Angaben der Angehörigen (Joanie Lane, Enkelin, 2023)

Arbeitskreis Gedenkbuch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e. V. (2006): Buch der Erinnerung. Juden in Dresden: Deportiert, ermordet, verschollen. 1933-1945. Thelem Universitätsverlag Dresden, S. 221

Erik Lindner: Jüdische Unternehmer in der Dresdner Zigarettenindustrie in: Dresdner Hefte, Heft 45, 1/96, S. 55 ff.

Erik Lindner: Die Orientalische Tabak- und Zigarettenfabrik YRAMOS in: Spurensuche. Juden in Dresden, Hrsg.: HATIKVA, Dölling und Galitz Verlag, 2. Aufl. 1996, S. 60/61

Horst Busse / Udo Krause: Lebenslänglich für den Gestapokommissar, Staatsverlag der DDR Berlin 1988, S. 29



Putzpate:
bereits vergeben

Wenn Sie eine Putzpatenschaft für einen oder mehrere Stolpersteine übernehmen möchten, melden Sie uns das bitte an die Mailadresse email hidden; JavaScript is required.