Gertrud Nollert
Schäferstraße 9, FriedrichstadtHIER WOHNTE
GERTRUD NOLLERT
GEB. DRECHSLER
JG. 1906
ZEUGIN JEHOVAS
VERHAFTET 30.12.1936
MORINGEN
LICHTENBURG 1938
RAVENSBRÜCK 1939
BEFREIT
Weitere Stolpersteine in Schäferstraße 9:
Nollert, Wilhelm
Gertrud Nollert, geb. Drechsler, wurde am 1. April 1906 in Dresden geboren. Sie wuchs bei Pflegeeltern auf und erlernte das Friseurhandwerk. Sie ließ sich am 7. Dezember 1928 als Zeugin Jehovas taufen und heiratete am 22. Januar 1931 Wilhelm Nollert. Gemeinsam wohnten sie in der Schäferstraße 11. Wegen Bezugs illegaler Bibelforscher-Schriften und Weiterleitung von zehn Reichsmark zur Unterstützung verfolgter Glaubensangehöriger wurde sie am 30. Dezember 1936 verhaftet – 8 Tage vor ihrem Ehemann. Beide erhielten am 26. Februar 1937 vor dem Sondergericht Freiberg eine Strafe von 10 Monaten Gefängnis, die Gertrud in Freiberg verbüßte.1 Der Strafhaft folgte die Schutzhaft, denn: „Die N[ollert] hat sich trotz des Verbotes für die Ernsten Bibelforscher betätigt und ist aus diesem Grunde gerichtlich bestraft worden. Es besteht der dringende Verdacht, dass sie sich auch weiterhin für diese Organisation betätigt und damit – wie bereits bisher – die öffentliche Ordnung und Sicherheit unmittelbar gefährdet.“ 2
Am 25. November 1937 kam sie ins Frauen-KZ Moringen; dort stieg 1937 nach einer reichsweiten Verhaftungswelle der Anteil der Zeuginnen Jehovas von 17 % im Juni auf 89 % im Dezember. 3 Gertrud Nollert erhielt die Häftlingsnummer 342, die sie auch in den beiden nächsten Lagern behielt. Im Zuge der Auflösung des KZ Moringen verbrachte man 500 Frauen mit drei Sonderzugtransporten in das Frauen-KZ Lichtenburg. Gertrud Nollert war eine der 148 Zeuginnen Jehovas, die am 21. Februar 1938 dort eintrafen. 4 Der Ortswechsel brachte härtere Arbeitsbedingungen und schärfere Strafmaßnahmen mit sich: Im Oktober weigerten sich Gertrud Nollert und andere, im KZ-Hof eine Radioansprache Hitlers anzuhören, da sie nur Jesus als ihren Führer anerkannten. Die SS-Wachen trieben die Frauen daraufhin mit eiskaltem Wasser aus Schläuchen aus ihrem Schlafsaal und unter Fußtritten auf den Hof hinaus, wo sie stundenlang völlig durchnässt in der Kälte stehen mussten. Das hinterließ bei Gertrud dauerhafte gesundheitliche Schäden. Danach belegte man sie und einige andere Frauen mit vier Monaten Postsperre und drei Wochen verschärftem Arrest bei verkürzten Essensrationen. 5
Am 15. Mai 1939 kam Gertrud erneut auf Transport: nach Ravensbrück, wohin man aus Lichtenburg insgesamt fast 400 Lila-Winkel-Häftlinge verlegte. Dort verweigerten die Frauen das Nähen von Munitionstäschchen für Soldaten – diese Art der Kriegsunterstützung verletzte ihr christliches Gewissen. Frierend und hungernd mussten sie fünf Tage lang jeweils sieben Stunden in der Kälte stehen; darauf folgten drei Wochen Dunkelarrest im Bunker, und während der Weihnachtsfeiertage erhielten sie keinerlei Nahrung. Kurz darauf besuchte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler persönlich die Zeuginnen Jehovas, um sich über den Erfolg der Strafmaßnahmen zu informieren. Danach kamen die Frauen in die von innen völlig vereisten Baracken zurück. Bei minus 30 Grad mussten sie mit leichter Kleidung und halbierten Essensrationen Schnee räumen und Ziegelsteine abladen. Die Aufseher bezeichneten die Frauen als „Friedhofskolonne“. In ihrer Not aßen sie Unkraut und Sägespäne – sie waren nur noch Haut und Knochen; Gertrud hatte über 22 kg verloren. 6
Im August 1942 kam sie mit zunächst zehn (später insgesamt 30) Zeuginnen Jehovas auf das 20 km entfernte Landgut Hartzwalde, wo die Frauen in Zivilkleidung bei besserer Versorgung arbeiteten. Das Gut entwickelte sich zu einem Zentrum des „illegalen“ Literaturtransfers: Von hier aus fanden Schriften von Jehovas Zeugen aus Schweden ihren Weg in die Konzentrationslager und auch zu noch in Freiheit lebenden Zeugen Jehovas.
Unterdessen kam Gertruds Mann Wilhelm am 18. November 1937 zunächst nach Buchenwald; als Häftling 443 arbeitete er in der Strumpfstopferei. 7 Am 06. Juli 1942 verlegte man ihn nach Dachau (Häftlingsnummer 31087). Als Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg kam er am 11. Januar 1944 in das Vernichtungslager Majdanek (bei Lublin in Polen), wo er am 02. März 1944 mit 49 Jahren an „Fleckfieber“ starb. 8
Gertrud war im KZ so schwer krank geworden, dass sie sich zwischen 8. August und 2. September 1944 im Krankenhaus Neuruppin einer Operation unterziehen musste. 9 Am 04.01.1945 verstarb ihre Mutter – jetzt hatte sie keine Verwandten mehr. Bis April 1945 musste sie auf dem Landgut Comthurey arbeiten, das Oswald Pohl gehörte (1951 im Rahmen der Nürnberger Prozesse als NS-Kriegsverbrecher hingerichtet). Nachdem das Gut in Flammen aufgegangen war, kam sie bis 08. Juli 1945 wieder nach Hartzwalde zurück.
Vergeblich versuchte sie in den nächsten Jahren in Dresden Fuß zu fassen. Sie wollte sich als Friseuse selbständig machen, was daran scheiterte, dass sie die 200 Mark für die Meisterprüfung nicht aufbringen konnte. Sie kam zunächst bei Freunden unter, wohnte ab Juli 1947 in Salzwedel und ab September 1948 in Rostock. Hier wurde ihr eine Woche vor dem Verbot der Zeugen Jehovas in der DDR (31.08.1950) der Status eines „Opfers des Faschismus“ wieder aberkannt, da sie weiter zu ihrem Glauben stand. Aus Gewissensgründen lehnte sie auch die politische Unterstützung der Nationalen Front ab. Daher wurde ihr das angemietete Zimmer wieder entzogen. Am 15. Oktober 1950 verweigerte sie außerdem die Beteiligung an der Wahl zur 1. Volkskammer der DDR.
In den Monaten danach wurden in der DDR immer mehr Zeugen Jehovas inhaftiert. Leute, mit denen Gertrud über ihren Glauben gesprochen hatte, informierten sie Anfang August 1951, dass die Behörden bereits nach ihr suchten. Sie reagierte sofort: Flucht zunächst nach Westberlin und von dort per Flugzeug am 16. August 1951 nach Hannover. Dort (wie später auch in Velbert-Neviges und Wuppertal) wohnte sie eine Zeitlang bei ehemaligen KZ-Mithäftlingen. 10 Am 18. September 1952 zog sie schließlich in den Wiesenweg 5 in Wermelskirchen – fünf Tage nach ihrer Heirat mit Gustav Hartmann; Gertrud kümmerte sich auch um sein 10-jähriges verwaistes Enkelkind, das bei ihnen aufwuchs. Bis zu ihrem Tod am 26. September 1996 mit 90 Jahren blieb Gertrud Hartmann aktiv mit der Gemeinde von Jehovas Zeugen in Wermelskirchen verbunden.
Quellen
1 Sächsisches Staatsarchiv Dresden (SächsStA-D), 11027 Sondergericht für das Land Sachsen, Freiberg, Karton 379, Kms/SG 79/37, Bl. 72.
2 Stadtarchiv Leverkusen (StA LEV), Entschädigungsakte 4010-4867, S. 9.
3 Hans Hesse/Jürgen Harder, „Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müsste ...“: Die Zeuginnen Jehovas in den Frauenkonzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück, Essen 2001, S. 41.
4 Insgesamt umfasste der Transport 150 Häftlinge. KZ Moringen, Verlegungsliste 21.03.1938 (1.1.28.1/3128730, ITS Digital Archive, Arolsen Archives [ITS]).
5 Hans Hesse, Das Frauen-KZ Moringen 1933–1938, Göttingen 2000, S. 121; ders./Harder, „Und wenn ich lebenslang [ ...]“ (Anm. 2), S. 105 f.
6 StA LEV (Anm. 1), S. 1 f., 56 ff.
7 Individuelle Häftlingsunterlagen, KZ Buchenwald (1.1.5.3/1735205, ITS).
8 StA LEV (Anm. 1), S. 26, 44.
9 AaO., S. 61 f.
10 AaO., S. 58 ff.
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