Ralph Leopold Klemperer Edler von Klemenau
Wiener Straße 86, StrehlenHIER WOHNTE
DR. RALPH LEOPOLD
KLEMPERER
EDLER V. KLEMENAU
JG. 1884
FLUCHT 1937
SÜDAFRIKA
Weitere Stolpersteine in Wiener Straße 86:
Klemperer Edle von Klemenau, Lili
Ralph Leopold (1884–1956) war der jüngste Sohn des Dresdner Bankiers Gustav von Klemperer Edler von Klemenau (1852–1926) und dessen Gemahlin Charlotte (1857–1934), geborene Engelmann. Ralph Leopold wuchs in Dresden auf. Von 1904 bis 1910 studierte er in Dresden und Jena Chemie und promovierte 1910 an der Technischen Hochschule Dresden. Zwischen 1910 und 1913 arbeitete Ralph Leopold als Ingenieur in den Škoda-Werken im böhmischen Pilsen (tschechisch Plze?), deren Generaldirektor er von 1913 bis 1914 in Wien wurde.
1913 schloss Ralph Leopold die Ehe mit der in Berlin geborenen Lili Huldschinsky (1893–1979). Sie war die jüngste Tochter des Montan-Unternehmers, Großindustriellen, Mäzens und bedeutenden Kunstsammlers Oskar Huldschinsky (1846–1931). Lili selbst übte sich in der Malerei und fertigte Miniaturbildnisse von Familienmitgliedern an. Ob sich die Leidenschaften für Kunst vom Vater Oskar auf Lili oder vom Vater Gustav auf Ralph Leopold übertragen haben und ob das Ehepaar eigenen Kunstbesitz erwarb, kann nur vermutet werden; schließlich sind Ralph Leopold und Lili in ihren jeweiligen Elternhäusern mit Kunst vertraut aufgewachsen. Bekannt ist aber, dass sie die Miniaturensammlung Gustav von Klemperers erbten und selbst auch Gemälde, kostbare Möbel und einige Objekte chinesischer Kunst besaßen.
Zwischen 1919 und 1920 bezog die Familie mit ihren drei Kindern Hubert Ralph (1914–1999), Friedrich Oskar (1917–2010) und Ida Charlotte (1919–2015) eine Villa in der Wiener Straße 86. 1923 kam Marie (1923–2012) als viertes Kind hinzu. Die Villa ist, heute leicht verändert, über den Zweiten Weltkrieg erhalten geblieben. Die Familien Ralph Leopolds und Victors ließen sich ganz in der Nähe ihrer Eltern nieder, die in der Wiener Straße 25 wohnten. Der dritte Sohn, Herbert Otto (1878–1951), hatte mit seiner Frau Frieda (1881–1945), geborene Kuffner, und den vier Kindern in Berlin ein Zuhause und seine Wirkungsstätte gefunden.
Von 1914 bis 1918 leistet Ralph Leopold seinen Militärdienst in der österreichischen Armee. Mit der Gründung der Tschechoslowakei 1919 wird ein neuer Verwaltungsrat der Škoda-Werke berufen und die Generaldirektion von Wien nach Prag verlegt. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Etablierung des tschechoslowakischen Staates findet Ralph Leopold von 1919 bis 1936 als leitender Direktor der „AG für Cartonnagen-Industrie“ Dresden ein neues Betätigungsfeld. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Industrie in Dresden stark entwickelt und die Stadt galt als Fabrikationszentrum von Produkten wie Schokolade, Zigaretten, Kameras und Schreib- und Nähmaschinen. Zu den Firmengründungen dieser Zeit gehörte auch die „AG Cartonnagen-Industrie“. Diese stellte Kartons, Papierhülsen, Hutschachteln, Bonbonieren, Umschläge, Federdosen, Tüten, Papiersäcke und vieles mehr her.
Zwischen 1920 und 1936 war Ralph Leopold als Aufsichtsratsmitglied in verschiedenen Handels- und Industrieorganisationen tätig sowie als Vorstandsmitglied des Reichsbundes der Metallwarenindustrie und als Mitglied des Hauptausschusses des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. 1926 wurde er auch Mitgründer des Dresdner Rotary-Clubs. Bereits vor 1933 machten sich in diesem Club antisemitische Tendenzen bemerkbar, die im Oktober 1935 in einer Aufforderung zum Austritt mündeten und schließlich 1936 zum Ausschluss Ralph Leopolds führten.
Der älteste Sohn Hubert Ralph (1914–1999) war bereits im Januar 1936 nach Südafrika emigriert und er bat seine Eltern, ihn zu besuchen. Aufgrund der zunehmend brisanten politischen Situation in Deutschland und auf Drängen des Sohnes verließen Ralph Leopold, seine Frau Lili und die noch zu Hause lebenden Kinder bereits im Mai 1937 die Dresdner Heimat. Mit einem Besuchervisum gingen sie nach Südafrika ins Exil. Sie ließen sich in der Stadt Margate in der Provinz Natal nieder und erhielten später auch Einwanderervisa. Um die Existenz seiner Familie zu sichern, orientierte sich Ralph Leopold, bereits 53jährig, beruflich neu. Er kaufte das Unternehmen „The Standard Yoke & Timber Mills Ltd.“ in Pietermaritzburg. Um den Neubeginn mit dem Unternehmen und den Unterhalt der Familie finanzieren zu können, verkaufte er auch einen Teil der von seinem Vater ererbten Miniaturensammlung. Seit 1939 war Ralph Leopold Vorsitzender und leitender Direktor dieser Holzwarenfabrik.
Ralph Leopold starb am 25. April 1956 in Pietermaritzburg (Südafrika). Bereits im Januar 1948 war sein Sohn Hubert Ralph in das Unternehmen eingestiegen. Nun wurde er Vorsitzender und gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Oskar Geschäftsführer der Firma. Hubert Ralph behielt diese Position bis Ende August 1984, als seine Familie das Unternehmen verkaufte und er sich zur Ruhe setzte.
Im September 2022 ließen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) im Anschluss an das Restitutionsforschungsprojekt „Rekonstruktion der Porzellansammlung des Dresdner Bankiers Gustav von Klemperer (1852-1926)“ die Stolpersteine für Familie Klemperer verlegen.
Quellen
Das von November 2019 bis August 2021 an der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden durchgeführte Forschungsprojekt „Die Rekonstruktion der Porzellansammlung des Dresdner Bankiers Gustav von Klemperer (1852-1926)“ dokumentierte seine Ergebnisse in digitaler Form. Auf einer separaten Webseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden werden alle Erkenntnisse zusammengeführt und mit vielfältigem Bildmaterial visualisiert: https://porzellansammlung.skd.museum/forschung/porzellansammlung-gustav-von-klemperer/.
Fünf Autorinnen und Autoren haben in wissenschaftlichen Aufsätzen zum Gelingen dieses Projektes beigetragen. In diesen Aufsätzen sind alle relevanten Quellen und Literaturhinweise angegeben und nachzuvollziehen. Außerdem sind diese Aufsätze in Deutsch und Englisch online publiziert:
Graul, Andreas (2021): „Die Bankiers Gustav und Victor von Klemperer“, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007288 English: “The Bankers Gustav and Victor von Klemperer”, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007294
Howse, Michaela (2021): „Die Kunst der goldenen Reparatur: Eine persönliche Sicht darauf, was es bedeutet, in der Restitutions- und Gedenkkultur Gerechtigkeit zu üben“, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007295 English: „The Art of Golden Repair: A Personal View on the Unique Work of Justice in Restitution and Remembrance Culture“, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007289
Iselt, Kathrin (2021): „Die Dresdner Villen der Familie von Klemperer“, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007290 English: “The Dresden Villas of the von Klemperer Family”, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007296
Loesch, Anette (2012): „SAMMLUNG – RAUB – VERLUST – RESTITUTION – SCHENKUNG. Die Porzellansammlung Gustav von Klemperers“, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007286 English: “COLLECTED – EXPROPRIATED – LOST – RESTITUTED – GIFTED: The Gustav von Klemperer Porcelain Collection”, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007292
Rudolph, Sabine: „Die Entziehung der Porzellansammlung Gustav von Klemperers“, DOI: https://doi.org/10.11588/artdok.00007287 English: “The Expropriation of the Gustav von Klemperer Porcelain Collection”, DOI:https://doi.org/10.11588/artdok.00007293
Putzpate:
bereits vergeben
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